1-2/2008 | Online
Einsatz auf dem „Battlefield“
Die Ohrakupunktur setzt sich immer mehr durch, auch die Ärzte der US Air Force verwenden sie. Dr. Beate Strittmatter hat sich in der Ramstein Air Base umgesehen.
Dienstag morgen 7.00, 10.März 2008, Treffen mit Colonel Niemtzow, Colonel Steven Burns und Colonel Jeff Gamble, alle drei Ärzte am Walter-Reeds-Zentrum, dem weltweit größten Krankenhaus der US-Luftwaffe in Washington. Wir treffen uns in Ramstein, ich darf mitgehen auf eine Visite, die sie im US-Krankenhaus in Ramstein abhalten. Sie kommen extra aus Washington, um in dieser Klinik an jungen kriegsverletzten Soldaten eine besonders effektive Form der Schmerztherapie durchzuführen: die Ohrakupunktur!
Fasziniert beobachte ich den Stationsbetrieb, alle Ärzte und auch die Schwestern tragen Kampfuniform und schwere Springerstiefel. Ein sehr ungewohnter Anblick. Dr. Niemtzow und Dr. Burns behandeln in endloser Folge – verletzte Soldaten, die an Amputationsschmerz leiden oder an den Folgen sonstiger Verletzungen, aber auch den Hubschrauberpiloten, der sich einfach nicht mehr bücken kann und dem bisher in dieser Klinik niemand wirklich hat weiterhelfen können. Nach 2 Nadeln im Ohr bückt er sich freudig zu seiner kleinen Tochter und nimmt sie wieder auf den Arm. Schmerzfrei, seit Monaten zum ersten Mal! Er sagt fröhlich, sein Körper sei sein Gehaltszettel, damit will er sagen, dass er jetzt wieder arbeiten und seine Familie ernähren kann. Man stelle sich vor, 2 kleine Nadeln im Ohr!
Von links nach rechts: Dr. Steven Burns, Dr. Jeff Gamble, Dr. Richard Niemtzow bei der Arbeit in der Klinik der US-Airforce in Ramstein.
Eigentlich stand nicht er, sondern die Frau des Piloten auf dem Plan, sie leidet an nicht zu beherrschenden Schmerzen, die im ganzen Körper wandern. Und kein Arzt hat für sie bisher eine Ursache gefunden. Weder der Orthopäde, noch der Neurologe oder der spezialisierte Schmerztherapeut konnten ihr helfen. Sie brauchte 4 Nadeln im Ohr, bis sie schmerzfrei von ihrem Stuhl aufstehen konnte. Sie zeigte sich fassungslos. Die umstehenden Ärzte der Klinik waren erstaunt und begeistert. Zweifel gibt es keine, schließlich waren die vorführenden Ärzte Colonels aus Washington, dienstgradmäßig die zweithöchste Stufe, direkt unter einem General.
Warum Ohrakupunktur bei der US Airforce?
Ich hörte von einem US-Kollegen in Ramstein folgenden Satz: „Die Mutter der Erfindung ist die Notwendigkeit“. Er wollte mir damit sagen, dass viele technische Innovationen aus dem Armeebereich kämen, wo dringende und oft lebenswichtige Probleme gelöst werden müssten. Und gerade im akuten Kampfeinsatz gibt es eine große Notwendigkeit: ein Verletzter muss für einige Stunden schmerzfrei gehalten werden, um kritische Missionen zu erfüllen, wie das Landen eines Flugzeugs durch den Piloten oder die Flucht eines Soldaten aus dem Kugelhagel, bevor der akute Schmerz zur Ohnmacht führt. Starke Schmerzmittel würden verzögert wirken und außerdem so sedieren (die Wachheit einschränken), dass eine sichere Ausführung der lebensrettenden Aufgabe oft nicht mehr möglich wäre.
Ohrakupunktur ist hier die Lösung! Sie wirkt schnell, gezielt, ist frei von Nebenwirkungen, rasch durchzuführen, auch Nicht-Ärzte können sie für diese spezielle Anwendung erlernen. Das haben die entsprechenden offiziellen Stellen erkannt und es ist geplant, das gesamte medizinische Personal aller Militärhospitale in dieser Methode auszubilden.
Dauernadel zum Einsatz am Ohr
(Bildquelle: Strittmatter)
Es wird außerdem geplant, dass in Zukunft sogar die Soldaten selbst die so genannten Dauernadeln im Tornister mit sich tragen, um im Akutfall ihren Kameraden beistehen zu können. Diese Dauernadeln sind sehr kleine Pfeile aus vergoldetem Stahl, die in die Haut eingestochen werden. Eine kleine Platte auf der Oberseite hält die Nadel auf der Oberfläche fest. Nach einigen Tagen wird die Nadel wieder entfernt. Nach Angaben der amerikanischen Kollegen soll es sogar möglich sein, diese Nadeln unter Wasser oder liegend im Schlamm in die Ohrzonen einzustechen, und die Ohren sind in einer solchen Situation sogar mit Helm auf dem Kopf die am besten zugängliche Reflexzonen des Körpers.
Mittagspause in der Cafeteria. Wieder viele Uniformen, bezahlt wird in US-Dollar, Ramstein ist Amerika … . Wir werden über die Ohrakupunktur befragt, das Interesse ist riesig, die Kollegen sind beeindruckt. Besonders die junge blonde Anästhesistin aus der Schmerzambulanz, Captain Simpson, möchte sich gerne mit dieser Methode weiter spezialisieren.
Welche Wunder bewirken die amerikanischen Kollegen mit ihren Nadeln? Sie verwenden eine vor ca. 50 Jahren von einem französischen Arzt gefundene Methode, die darauf beruht, dass man die so genannten Reflexzonen auf der Ohroberfläche zur Therapie ausnutzt. Der gesamte Körper ist als Mikrosystem auf dem Ohr abgebildet. Man weiß heute über Untersuchungen mit dem funktionellen Kernspin, dass die Ohroberfläche direkt mit dem Gehirn verschaltet ist und dass zum Beispiel das Stechen des Daumenpunkts am Ohr dazu führt, dass das zum Daumen gehörige Areal im Gehirn stimuliert wird [1]. Die Ohrakupunktur ist natürlich auch bei anderen Erkrankungen und Schmerzzuständen anzuwenden, nicht nur bei denen, die typischerweise in einem Militärkrankenhaus auftreten.
Reflexzonen am Ohr, nach Bahr/Nogier
Sehr wirksam ist sie beispielsweise bei
- Allergien (z.B. Heuschnupfen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten)
- Asthma
- Ekzemen (auch Neurodermitis)
- Verhaltens- und Entwicklungsstörungen
- Prüfungsangst
- Schlafstörungen
- Infektanfälligkeit, besonders chronische Erkrankung der oberen Luftwege
- Nabelkoliken des Säuglings oder Kleinkindes
- Schmerzen jeglicher Art, auch nach Unfällen mit Knochenbrüchen oder Verstauchungen
- Migräne
- Verdauungsproblemen (Durchfall/Verstopfung)
- Übergewicht
Lokale Anwendungen außerhalb der Akupunktur, z.B. bei
- Ulcus cruris (Beingeschwüre)
- Herpes
- Aphthen (schmerzhaft entzündete Stellen der Schleimhäute)
- Zahnfleischentzündungen
- Wundheilungsstörungen nach Zahnextraktion
Wer Angst hat vor Nadeln, für den ist heutzutage eine ersatzweise Behandlung mit dem Laser selbstverständlich! Wenn Sie sich für einen Therapeuten interessieren, sehen Sie nach unter www.akupunktur.de. Weitere interessante Informationen finden Sie unter www.akupunktur-online.info oder www.stoerherd.de.
Quelle:
[1] Alimi D., Geissmann A., Gardeur D.,: Auricular Acupuncture Stimulation Measured on Functional Magnetic Resonance Imaging, Medical Acupuncture, 2002, Volume 13 (Number 2) pages 18-21
Dr. med. Beate Strittmatter
Ärztin für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren, Sportmedizin,
Akupunktur Ausbildungsleiterin der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin, München
E-Mail: Strittmatter@t-online.de
