3-4/2008 | Online
Viele Patienten lassen sich bei Gelenkproblemen durch Akupunktur helfen.
Die Akupunktur ist eine weit verbreitete Heilmethode. Studien zu den verschiedensten Schmerzstörungen haben einen wesentlichen Anteil daran, dass die traditionell-chinesische Nadelkunst für Millionen Patienten kein Buch mit sieben Siegeln mehr ist. Besonders Patienten mit chronischen Gelenkstörungen verstehen die Akupunktur als Erweiterung der bisherigen Behandlung und sind entsprechend aufgeschlossen.
Obwohl zahlreiche Forschungen der Akupunktur eine deutliche Wirksamkeit bescheinigt haben, besteht gegenüber der seit Jahrzehnten untersuchten Schulmedizin noch ein enormer Nachholbedarf. Das im Westen rasant gestiegene Interesse an traditionellen Therapien stellt die Sozialsysteme vor entscheidende Fragen: Sollen die Kassen solche Leistungen erstatten? Können sie es überhaupt? Unüberschaubare Kosten befürchtend entschieden die deutschen Kassen im Jahr 2000, die Wirksamkeit der Komplementärmedizin sei für die generelle Kostenübernahme noch unzureichend untersucht. Daher rief man unter anderem ein „Programm zur Evaluation der Patientenversorgung mit Akupunktur (PEP-Ac)“ ins Leben, wobei Therapien bei ausgewählten chronischen Schmerzen genau beobachtet wurden.
Die Wirkung der Akupunktur bei Arthritispatienten wurde wissenschaftlich untersucht.
Ausgehend von Daten dieses Programms haben Forscher aus Deutschland und der Schweiz vor kurzem über die Akupunkturfortschritte bei Arthritis-Patienten berichtet. In ihre Auswertung schlossen sie neben den direkt messbaren Änderungen (z.B. Schmerzen, Funktionsausfall) auch Patientencharakteristika, Änderungen der Lebensqualität und Unterschiede zwischen den untersuchten Arthritisarten ein.
Osteoarthritis: Ausgangspunkt für Akupunkturtest
Nach einem definierten Zufallsschema waren die Patienten in die Untersuchung aufgenommen worden. Die Diagnosen umfassten verschiedene Gelenkerkrankungen und ihre unzähligen Ursachen. Die Diagnose selbst musste per Röntgenbild gesichert sein, die Schmerzsymptomatik seit mindestens einem halben Jahr bestehen. Patienten mit Gelenkinfektionen wurden jedoch ausgeschlossen.
Die Fortschritte der Teilnehmer hatten die Forscher mit verschieden international üblichen Schätzskalen und detaillierten Standardfragebögen erhoben. Die Untersuchungen und Interviews hatten die Wissenschaftler an drei Zeitpunkten durchgeführt: vor, am Ende und sechs Monate nach Beginn der Akupunktur. Die verabreichte Nadeltherapie beschränkte sich auf klassisch-chinesische Nadelpunkte, die in maximal 15 Sitzungen gestochen werden konnten. Ab der siebten und elften Sitzung mussten die Ärzte die Weiterbehandlung gegenüber den Ersatzkassen begründen. Die Mindestdauer einer jeden Nadelung war auf 30 Minuten festgesetzt.
Ziel der Behandlung: Weniger Schmerzen und Einschränkungen im Alltag.
Akupunktur senkt Zahl der Akut-Schmerz-Tage
Die von den Autoren veröffentlichten Ergebnisse stützen sich auf die Daten von insgesamt 736 Teilnehmern. Dabei verzeichneten diese in allen Untergruppen statistisch auffällige und klinisch bedeutsame Besserungen. So hatte sich zum Beispiel für die Patienten mit Hüftarthritis oder Kniearthritis eine deutliche Besserung gezeigt.
Interessant ist die Zahl der Akut-Schmerz-Tage, an denen Schmerzmedikamente notwendig waren: Die Akupunktur reduzierte diese Zahl von durchschnittlich 11 Tagen während der ersten Therapiehälfte auf 7 Tage während der zweiten. Bei nur einem Drittel der Teilnehmer hatten die behandelnden Ärzte weitere Maßnahmen wie Physiotherapie und Schmerzmedikamente verordnet.
Gute Noten für Akupunktur, kaum Nebenwirkungen
Zum Therapieende und nach sechs Monaten hatten die Patienten aller Untergruppen berichtet, Schmerzen, Medikation und Einschränkungen im Alltag hätten deutlich abgenommen. Am Ende der Nachbeobachtung hatten 18% der Teilnehmer eingeschätzt, die Wirksamkeit ihrer Nadelungen sei sehr gut, 27% bewerteten „gut“, 31% „mäßig“. Die von nur 51 Personen genannten Nebenwirkungen hatten sich bei genauer Prüfung fast ausnahmslos als vorübergehende akupunktur-typische Begleiterscheinungen erwiesen, darunter vor allem Müdigkeit sowie leichte Schmerzen und Punktblutungen am Nadelort.
„Die vorliegende Arbeit bestätigt, was die deutschen Akupunkturärzte und die DAAAM als zertifiziertes Aus- und Weiterbildungsinstitut schon Jahre vor den inzwischen abgeschlossenen Gerac-Studien wiederholt erklärt haben“, meint dazu Dr. Bernd Ramme, Pressesprecher der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin (DAAAM). „Verglichen mit dem heutigen Zustand, war es vor 10 Jahren problematisch, mit Informationen über Akupunktur in die Offensive zu gehen. Sofort schossen die Neider aus allen Rohren“, so Ramme weiter. Jetzt sei es zum Glück anders, denn „immer mehr Patienten und Ärzte sehen neue Therapien als Bereicherung – nicht als Konfliktpotential.
Linde et al: Acupuncture for
osteoarthritic pain: an observational study
in routine care. Rheumatology 2005, in press
