Akupunktur 3-4/2008 | Online

Wie Akupunktur bei Fibromyalgie-Schmerz hilft

Schwedische Ärzte steigern mittels Akupunktur bei Fibromyalgie-Patienten den Blutfluss im großen Rückenmuskel. Damit senken sie deutlich den Spontanschmerz und erhöhen im Gegenzug die Beweglichkeit. Der Messung des Blutflusses dient ein neues optisches Verfahren: die Photoplethysmographie.

Inzwischen weiß es wohl nahezu jeder: Die traditionelle Akupunktur hat deutlich mehr zu bieten als bloße Schmerzlinderung. So ist heute sicher, dass Akupunkturnadeln bestimmte Nervenfasern anregen, gefäßerweiternde Substanzen freizusetzen. Dies wiederum lässt den Blutfluss steigen. Seit kurzem ist es nun möglich, den bislang invasiv gemessenen Blutfluss optisch zu bestimmen. Mit der neuen Technik, der Photoplethysmographie (PPG), haben Mediziner in Schweden den Einfluss der Nadeln auf die Durchblutung des chronisch schmerzhaften Trapezmuskels erforscht. Solch ein chronischer Muskelschmerz ist das Hauptsymptom der Fibromyalgie.

Ausgedehnte Schmerzen im Bereich Hals und Schulter – Frauen sind öfter betroffen.

Ausgedehnte Schmerzen im Bereich Hals und Schulter – Frauen sind öfter betroffen.

Neue Technik misst Haut- und Muskelblutfluss

Bei dieser Erkrankung, die Frauen deutlich häufiger betrifft, bestehen meist ausgedehnte Schmerzen am Hals und in der Schulter, die wiederum andere Fehlfunktionen wie Schlafstörungen und psychische Erschöpfung nach sich ziehen. Die Stelle, an der der Schmerz am stärksten ist, das Punctum maximum, wechselt häufig Ort und Stärke. Ähnlich arbeitsbedingten Muskelverspannungen besteht neben dem eigentlichen Schmerz eine gestörte Schmerzwahrnehmung, die sich in Form von Fehl- und Überempfindlichkeit zeigt.

Ärzte der Universitätsklinik Linköping, Schweden, testeten an 27 Patienten und 19 gesunden Probanden zwei Reizarten: die tiefe Muskel- und die oberflächliche Hautnadelung. Gleichzeitig registrierten sie per PPG den aktuellen Blutfluss in Muskel und Haut.

Bessere Durchblutung, weniger Schmerzen

Die PPG verwendet grüne und rote Lichtdioden und entsprechende Detektoren. Die jeweils eine Minute dauernden Messungen erfolgten zehn, fünf und eine Minute vor, sowie im 5-Minuten-Takt während und nach der Akupunktur. Der Messung der jeweiligen Schmerzschwelle diente ein elektronischer Schmerzmesser mit Drucksteigerungen à 30 kPa/s. Die Halsbeweglichkeit (Beugung, Streckung, Neigung, Drehung) wurde mit zwei speziellen, mit Nase und Ohren verbundenen Winkelmessern bestimmt. Anhand einer Schätzskala bestimmten die Forscher zudem das Angstgefühl unmittelbar vor sowie die Schmerzen während der Behandlung.

Die Hauptergebnisse der Forscher: Bereits eine Akupunktursitzung besserte die Durchblutung in Trapezmuskel (großer Rückenmuskel) und Rückenhaut. Dem gesteigerten Blutfluss im Muskel folgte eine deutliche größere Schmerzunempfindlichkeit (Anstieg von Schmerzschwelle) und eine bessere Halsbeweglichkeit. Gleichzeitig nahmen Spontanschmerz und Schmerzdauer ab.

Schon eine Akupunkturanwendung verbessert die Durchblutung im Rückenbereich.

Schon eine Akupunkturanwendung verbessert die Durchblutung im Rückenbereich.

Nadelwirkung auch in der Tiefe

Die Autoren beschreiben ausführlich die Methodik ihrer Arbeit, wobei sie detailliert auf die Ergebnisse von Vorarbeiten eingehen, die von Kollegen bei Messungen am Schienbeinmuskel erhoben wurden. Den Forschern der vorliegenden Arbeit gelang es mit der PPG, noch in einer Gewebestiefe von mehr als 13 mm eine Steigerung der Muskeldurchblutung nachzuweisen.

Im Anschluss schildern die Autoren die zugrunde liegenden Schmerzmechanismen – soweit derzeit bekannt – nebst gängigen Vermutungen zur Akupunkturwirkung. Demzufolge sind mit großer Wahrscheinlichkeit neben reizleitenden Nervenfasern (A-delta- und C-Fasern) auch Teile des willkürlich nicht beeinflussbaren sympathischen Nervensystems involviert, darunter das Nebennierenmark. So dient der sympathische Überträgerstoff Noradrenalin offenbar kurzfristigen Änderungen der Gefäßweite, während ein anderer Stoff, das Neuropeptid Y, eher langsam und anhaltend wirkt.

Komplikationen oder Nebenwirkungen der Behandlungen gab es keine.

Komplikationen oder Nebenwirkungen der Behandlungen gab es keine.

PPG: effektiv, sicher, einfach und preiswert

Abschließend weisen die Autoren darauf hin, das Antwortverhalten des Körpers auf wiederholte Nadelreize sei noch nicht ausreichend erforscht. Besondere Beachtung verdient, dass im Zuge der Untersuchung weder Komplikationen noch Nebenwirkungen beobachtet wurden. Daher schätzen die Autoren ein, die PPG – das neue Verfahren zur nicht-invasiven Blutflussmessung – sei wirksam, sicher, einfach und preiswert. In folgenden Untersuchungen müsse die Methodik jedoch weiter verfeinert werden.

„Der Weg der modernen Medizin liegt vor uns: weg von Medikamenten und Operationen, hin zu weniger invasiven Therapien und Ganzheitlichkeit“, meint dazu Dr. Bernd Ramme, Pressesprecher der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin (DAAAM). „Akupunktur ist da eine sehr effektive, gut verträgliche und preiswerte Option, wie es die vorliegende Arbeit ja auch zeigt. Ob es nun um die Fibromyalgie oder um andere Schmerzerkrankungen geht – unsere Nadeln sind sicher kein Fehler!“

Quelle:
Sandberg M et al: Different
patterns of blood flow response in the
trapezius muscle following needle stimulation
(acupuncture) between healthy
subjects and patients with fibromyalgia
and work-related trapezius myalgia. Eur J
Pain 2005;9:497-510