1-2/2010 | Online
Kombitherapie-Studie
Nadeln maßvoll eingesetzt
Es mag durchaus vorteilhaft sein, Körper und Ohrakupunktur in derselben Sitzung zu verabreichen. Doch lässt sich so der Therapieerfolg immer steigern? Italienische Schmerzmediziner und Akupunkturärzte haben diese Hypothese vor kurzem geprüft.
Zunächst haben sie untersucht, ob bei Halsmuskel-schmerzen mit der Körperakupunktur eine ausreichende Schmerzlinderung zu erreichen ist. Ferner war für die Forscher von Interesse, ob die Kombination aus Körper-akupunktur und Ohrakupunktur einen deutlich größeren Nutzen erbringen würde, als Körpernadeln allein.
Ergebnis: Die Kombination war dem bloßen Körpernadeln keineswegs überlegen. Dies zeigt, dass so Belastungen für Patienten ohne Wirkungsverlust gesenkt werden können.
Bei der Ohrakupunktur werden, im Gegensatz zur Körper-akupunktur, nur Punkte in der Ohrmuschel genadelt. Daher sprechen Akupunkturärzte auch von Aurikulo-medizin. Dieses Vorgehen basiert auf der Abbildung zahlreicher innerer Organe auf der Ohrmuschel. Morphologische und physiologische Phänomene belegen die Existenz eines solchen Zusammenhangs. Außerdem zeigen sich Änderungen elektrischer Signale, wenn die Haut der Ohrmuschel gestört ist (z.B. Leberflecke, Entzündungen, Blutschwämme). Dass Schmerzpunkte in der Ohrmuschel zu zahlreichen inneren Erkrankungen passen, zeigt auch die Reizung bestimmter Körperbereiche – der elektrische Hautwiderstand an den entsprechenden Ohrpunkten sinkt.
Kombitherapie gegen Körpernadeln
Insgesamt 62 Patienten schlossen die Forscher in die Studie ein. Keiner der Teilnehmer hatte sich bisher einer Akupunktur unterzogen. Zudem durfte kein Proband auf eine Dauermedikation angewiesen sein oder an bestimmten chronischen Störungen wie Lungenemphysem, Bronchitis, Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Lediglich das Schmerzmittel Paracetamol war für den Schmerzanfall zugelassen. Die Teilnehmer wurden auf zwei Testgruppen verteilt: Körperakupunktur allein, bzw. kombiniert mit Ohrakupunktur. Sowohl die notwendigen Untersuchungen als auch die jeweilige Therapie wurden von erfahrenen Akupunkturärzten ausgeführt.
Die Akupunkturgruppe (31 Probanden) erhielt Nadelungen in acht Sitzungen, wobei insgesamt sieben Akupunkturpunkte zur Verfügung standen. Die Reizung (Stimulation) der Nadeln erfolgte in Form von Drehbewegungen um die Nadelachse. 31 weitere Teilnehmer wurden nach demselben Schema versorgt, zusätzlich jedoch an acht Punkten beider Ohrmuscheln akupunktiert.
Nadeln senken Muskelschmerz langfristig
Die Forscher maßen die Wirksamkeit beider Therapien an vier Zeitpunkten: unmittelbar vor und nach der Therapie, ferner nach einem und nach drei Monaten. Zur Dokumentation verwendeten sie einen speziellen Fragebogen für den Spontanschmerz und eine Schätzskala, anhand der die Teilnehmer durch Halsbewegungen ausgelöste Schmerzen selbst bewerteten.
Einerseits hatten sowohl die bloße Körperakupunktur als auch die Kombitherapie zu einer statistisch sichtbaren Schmerzsenkung (26 gegen 22 Probanden) geführt, wie die Analyse der Fragebögen zeigte. Und auch längerfristig waren die Halsmuskelsymptome konstant rückläufig, wie die Messungen nach einem und nach drei Monaten belegen. Die zugehörigen Ausgangswerte hatten um das Dreifache höher gelegen. Zum anderen registrierten die Forscher für keinen der genannten Messzeitpunkte statistisch auffällige Unterschiede zwischen beiden Testgruppen.
Das Notwendige besser als das Mögliche
Abschließend stellen die Autoren die Ergebnisse in den Zusammenhang vorangegangener Forschungen zu demselben Thema. Dabei berücksichtigen sie die noch immer sehr schwierigen Placebotechniken, die auch in der Akupunkturforschung unverzichtbar sind. Zudem diskutieren sie sowohl das aktuelle Verständnis der Schmerzentstehung als auch jenes der neurologischen Signale, auf denen die Akupunkturwirkung offenbar beruht oder beruhen könnte.
"Diese aussagekräftige Arbeit zeigt deutlich, zu welcher Wirksamkeit besonders die klassische Nadelung führen kann", meint dazu Dr. Bernd Ramme, Pressesprecher der Deutschen Akademie für Akupunktur (DAA). Ferner betont Ramme, der Leitsatz ‘Nicht das Mögliche, sondern das Notwendige’ gelte selbstverständlich auch für Komplementärmediziner. "Schließlich sollen gerade alternative Therapien passgenau auf die Patienten zugeschnitten sein. So achten wir bereits bei der Ausbildung unserer Mitglieder darauf, späterem Über-therapieren und damit nutzlosen Belastungen für die Patienten vorzubeugen."
Ceccherelli F et al: The therapeutic efficacy of somatic acupuncture is not increased by auriculotherapy.
Complement Ther Med 2006;14,47–52.
